DER COUNTDOWN DES VERDERBENS - (oder: noch zwei Tage bis Heiligabend)
(Eine wahre Geschichte)
 

Der durchschnittliche Bürger soll sich ja angeblich auf Weihnachten freuen. Zumindest kursiert das Gerücht.

Also entweder bin ich nicht durchschnittlich oder ich hab‘ einfach nicht so viel Zeit und Geld wie der Durchschnittsmensch. Denn nach 24jähriger Erfahrung, nach abwägen der Vor- und Nachteile, der genauen Analyse des Phänomens ”Weihnachten”, kann ich mich trotz allen guten Willens einer gewissen Distanz gegenüber diesen Festes nicht erwehren. Kurz gesagt - ich hasse diesen Scheiß!

Ihr denkt Euch jetzt sicher: was’n das für ein Spinner. Weihnachten is‘ doch toll! Die stille und andächtige Zeit, die Geschenke, die Plätzchen, die Geschenke, der Nikolaus, die Geschenke, der Glühwein, die Geschenke und natürlich nicht zu vergessen - die Geschenke.

Warum ich so denke möchte ich Euch jetzt anhand eines Beispiels erklären. Ich berichte Euch jetzt einmal von meinem letzten Weihnachtsfest (1999). Ich hätte jedes beliebige Fest wählen können, weil es trotz aller Vorbereitungen jedes Jahr das selbe ist - das pure Chaos! Ich hab‘ mir aber das letzte Weihnachtsfest als Beispiel heraus gepickt, weil ich mich daran noch einigermaßen erinnern kann. Ich versuche nämlich krampfhaft jede Erinnerung an dieses Höllenfest aus meinem Gedächtnis zu tilgen. So!

23.12.  16.25 Uhr
Oh nein! Noch fünf Minuten, dann is‘ mein Arbeitstag vorbei. Oh, Gott, oh, Gott. Vielleicht noch ein paar Überstunden einlegen? Das ist gut! Dann muß ich nicht nach Hause und ich hab‘ eine gute Ausrede. Mit zitternden Fingern kram' ich meine Geschenkeliste hervor. Sie ist nur zur Hälfte erledigt und um 18.00 Uhr machen die Geschäfte zu. Ja! Es gibt Leute die haben um diese Zeit noch nicht alle Geschenke! Diese Leute arbeiten den ganzen Tag und tragen keine 2000,- DM in der Portokasse herum. Die müssen auf die Bank - ja, sowas gibt’s noch! Aber es hilft ja nichts.
Jedes Jahr das gleiche fiese Spiel. Ich sag ich will kein Geschenk und ich verschenk' auch nichts! Das wissen alle. Alle! Aber das interessiert sie nicht die Bohne. Sie kommen trotzdem wie Ratten aus ihren Löchern gekrochen stehen vor meiner Tür und überhäufen mich mit irgendwelchen Müllgeschenken, die kein Mensch braucht. Ich seh‘ das fiese Leuchten in ihren Augen. Der Blick der sagt:  ”Ja, ich hab‘ ein Geschenk für dich, hast du denn auch eins für mich? Har, har! Nein du hast keins! Hab‘ ich dich erwischt du Kameradenschwein.”
Aber auf solche Fälle bin ich vorbereitet. Dann zieh ich nämlich mein Geschenk hervor und es ist viel größer und wertvoller als der Schund den ich gekriegt habe! Dann genieße ich das enttäuschte Blitzen in ihren Visagen.
Überlegt Euch das mal. Das ist doch krank! Ich schenke nicht aus Freude, ich schenke als Verteidigungsmaßnahme und Selbstschutz! Aber gut wenn sie Krieg wollen - ich bin gerüstet!

23.12.  16.55 Uhr
Es ist soweit - der Tanz beginnt! Ich hab‘ mir Schienbeinschoner und Schuhe mit Stahlkappen angezogen. In unserer kleinen Stadt wurde das Kriegsrecht ausgerufen. Hundertschaften kaufwütiger Weihnachtsfreaks drängen sich auf der Straße und in den Läden. Alle rüsten sich zum ultimativen Schlag im Geschenkekrieg.

23.12.  17.30 Uhr
Ich hab‘ dem fetten Mann, der mir das letzte ”Weihnachts Bade-und Pflegeset” wegschnappen wollte eine getreten. Natürlich dezent von hinten ohne daß er feststellen konnte wer es war. Das Ablenkungsmanöver hat geklappt. Irritiert dreht er sich um und bei seiner Geschwindigkeit hätte ich mir zwischendurch noch ‘nen Glühwein reinpfeiffen können. Und Schwupps - das Pflegeset is‘ meins!
Boah. 49,98 DM. Vor einem Monat hat es noch 14,80 DM gekostet. Was einem die Oma nich‘ alles Wert is‘. Dafür is‘ aber auch eine 90 Pfennig-Schleife von Aldi dran. Das Zeug auch noch selber verpacken hasse ich beinahe noch mehr als das Schenken an sich. Da legt man doch gerne mal das Dreifache hin.

23.12.   17.55 Uhr
Verdammt noch fünf Minuten und ich hab‘ noch was auf meiner Liste offen!! Jetzt aber schnell. Gott sei Dank interessiert sich keine Sau für die Ladenschlußzeiten und es macht kein Kunde auch nur Ansatzweise den Eindruck als wolle er jetzt schon das Geschäft verlassen. Dann tue ich das auch nicht. Ich pack jetzt nur noch ein, was irgendwie nach Weihnachten aussieht, egal wieviel es kostet und was für ein Scheiß es auch ist. Wer hat in unserer heutigen Gesellschaft schon noch Zeit ein Geschenk mit Liebe und Sorgfalt auszusuchen. Wichtig ist nur, daß man eins zum vorzeigen hat. Wie ich schon sagte - krank.

23.12.  18.05 Uhr
Durch den Lautsprecher werden die Kunden freundlichst darauf hingewiesen, daß sie so langsam ihren Arsch durch den Ausgang bewegen sollen. Ich bin nicht kaufsüchtig, ich tue das nur um meine Schenk-Ehre zu retten. Deshalb geh‘ ich jetzt auch zur Kasse um mein sauer verdientes Geld zum Fenster raus zu schmeißen. Eine entnervte Kassiererin lächelt mich an und wünscht mir ein frohes Fest, doch in ihren Augen steht der blanke Haß. Ich grinse mit dem selben falschen Lächeln zurück - und wir verstehen uns. Ich bin nicht der einzige Mensch der dieses tolle Fest nicht mag. Die gesamte Belegschaft eines jeden Kaufhauses steht hinter mir! Ich bewundere ihre Selbstbeherrschung - ich an ihrer Stelle, hätte schon lange irgendwen oder irgendwas umgebracht.
”Soll ich es noch einpacken?”, verkündet sie zuckersüß.
Es tut mir leid ihr das antun zu müssen aber ich antworte: ”Ja, bitte!”
Wie ich schon sagte, einpacken hasse ich wie die Pest. (Und ich kann‘s auch gar nicht. Meine Pakete sehen immer aus wie abstruse Gebilde aus der Phantasie eines wahnsinnig gewordenen modernen Künstlers.)

23.12.  18.30 Uhr
Geschafft! Ich bin auf den Heimweg! Ich hab’s geschafft. Nicht zu glauben. Und dieses Jahr war es gar nicht so schlimm. Es hat sich also gelohnt, die Geschenkeliste schon im August zu schreiben! Gut, ein paar Sachen fehlen noch. Aber für die meisten meiner Kumpels langt's wenn ich noch irgendwas Hochprozentiges an der Tankstelle kauf'. Fröhlich pfeifend (das tue ich nur sehr selten zu dieser Jahreszeit) schließe ich die Haustür auf, als ein fürchterliches Wimmern und Stöhnen hinter mir ertönt. Neugierig guck ich um die Ecke. Ich seh‘ meinen Nachbarn im Kampf mit einem riesigen 2,50 Meter großen, grünen Ungetüm. Der Baum! Mit wahrer Urgewalt bricht es über mich herein. Ich Volltrottel hab‘ den Weihnachtsbaum vergessen!!! Meine gute Laune ist futsch. Zerstampft und aufgefressen, von dem urzeitlichen, alles verschlingenden Ungetüm namens Weihnachten.
”AH, Tag Herr Nachbar! Frohes Fest wünsch' ich!”, grinst mein Nachbar.
Ich geb’ keine Antwort. Ich bin zu belämmert.
Mein Nachbar mustert mich neugierig. ”Das ist ein schöner Baum, nicht war?”
Ich nicke nur.
Sein Augen formen sich zu schmalen Schlitzen und seine Kinnlade rutscht provokativ nach vorn: ”Sie sind heute aber still.”
 Er weiß es! Dieser Mistkerl weiß, daß ich keinen Baum hab‘. Ich seh’s an seinem fiesen, rattengesichtigen Blick!
” Welche Laus ist ihnen denn über die Leber gelaufen?”, fragt er scheinheilig.
Das weißt du ganz genau du mieser Knilch, denke ich mir. Sag’s aber nicht. Statt dessen grinse ich ihn an und sag': ”Och! Mir geht’s ganz gut. Nur ein bißchen Streß.”
Mein Nachbar nickt verständnisvoll. ”Das kenn‘ ich.”
Gar nichts kennst du! Du bist 70 und seit 10 Jahren in Rente! Auch das sag‘ ich nicht. Grüße nur kurz und trete die Flucht nach hinten an.
 
 

23.12  19.10 Uhr
Heimlich schleiche ich mich aus meiner Wohnung. Diese verdammten Holzdielen. Das knarzen hört man vermutlich Meilenweit. Das Einkaufszentrum nebenan hat bis um halb acht auf. Vielleicht haben die noch so einen verkackten Weihnachtsbaum. Jetzt leise zur Tür raus. Der Nachbar darf nix mitkriegen. Diesen Triumph gönne ich ihm nicht!!
 

23.12  19.30 Uhr
Ich hätte es wissen müssen. Kurz vor Weihnachten noch einen wunderschön gewachsenen, großen Baum ergattert - und das für nur 30 ,- DM. Ich hätte einfach wissen müssen, daß da ein Hacken bei der Sache ist. Aber dazu kommen wir noch.
Ich bin wieder auf dem Nachhauseweg. Es is‘ arschkalt, es regnet und die ekligen Tannennadeln piksen mich in den Nacken. Was mach ich hier eigentlich?! Ist es denn wichtig so einen blöden, nutzlosen Staubfänger im Wohnzimmer stehen zu haben, der von meinen Katzen schon in den ersten 15 Minuten restlos zerfetzt wird? Die Antwort lautet ja - zumindest wenn man einen friedlichen Heilig Abend mit seiner Freundin verbringen will. (Die vehement auf einen Baum besteht aber natürlich weder beim Schmücken noch beim aufstellen hilft und die nach der Bescherung sowieso gleich zu ihren Eltern abhaut und ich dann allein vor dem blöden Baum hock und...aber lassen wir das.) Außerdem erspare ich mir durch den Erwerb eines solchen Mistdings die dummen Sprüche meiner eigenen Eltern: ”Was? Keinen Baum? Aber Junge! Weihnachten ohne Baum, das geht doch nicht!” Wie auch immer. Jetzt hab‘ ich so ein Ding und ich hab meine Ruhe

23.12  19.40 Uhr
Ich bin daheim. Um auf den vorher erwähnten ‘Hacken‘ zu sprechen zu kommen: Er ist grün, spitzig und liegt häufchenweise in meiner Wohnung verteilt. Das Scheißding nadelt!! Und wie! Noch nicht mal ausgepackt und schon halt ich nur noch ein armseliges, braunes Stöckchen in der Hand. Scheiße! Ich fürchte es wird Zeit für den Heißkleber...

23.12  20.30 Uhr
Ich sitz‘ in einem Haufen aus Nadeln und versuch die schlimmsten Löcher im Baum mit Heißkleber zusammenzuflicken. Das geht! Ich hab‘ Erfahrung in sowas - war nämlich letztes Jahr die selbe Scheiße. Meine Katzen hab‘ ich inzwischen ins Klo gesperrt. Es scheint in der Natur dieser Biester zu liegen alles angreifen zu müssen was ich gerade in mühsamer Kleinarbeit zusammengebaut habe. Und je mehr Unordnung und Dreck dabei entsteht um so lustiger scheint es für sie zu sein.
Da klingelt es plötzlich an der Tür - dürfte mein Schatzi sein.

23.12  20.31 Uhr
Sie ist es. Und wie jedes Jahr darf ich mich anscheißen lassen. ”Wie sieht’s hier wieder aus”. ”Was is‘ denn das für ein mickriger Baum”. ”Hab ich dir nicht gesagt du sollst dein Zeug früher besorgen?”
Mein Zeug!? Ich sag‘ nix mehr, ignoriere das Gemotze und fange an die Baummißgeburt aufzustellen. Dazu hole ich mir meinen patentierten Stahlseilzug-Weihnachtsbaumständer (natürlich geliehen). Mit dem Teil ist der Baum im Handumdrehen aufgestellt.

23.12  23.31 Uhr
Das Scheißding steht einfach nicht! Der Stamm ist zu dünn. Mittlerweile hab‘ ich schon fast die Hälfte des Baums weggesägt. Aber das hilft nichts. Tja, dann muß halt mal wieder der Tacker rann!

24.12  00.48 Uhr
Na endlich. Was man mit Tacker, Heißkleber und ein bißchen Bindfaden nicht alles bewirken kann. Gut. Das Ding sieht fürchterlich aus. Aber das paßt schon. Ein grauenvoller Baum zu einem grauenvollem Fest! Jetzt nur noch schmücken. Aber das kann bis morgen warten. Mein Schatzi kommt mit verquollenen Augen aus dem Schlafzimmer. ”Bist du immer noch wach?”, nuschelt sie schlaftrunken.
”Äh, ja. Aber der Baum is‘ jetzt fertig, (grins)”
Sie murmelt: ”Dann kann ich ja morgen gleich deine Geschenke darunterpacken. Legst du meine auch gleich hin?”
”Deine ...Geschenke...?” Oh, mein Gott!! Das hat‘ ich ja völlig vergessen! Ich hab‘ ja noch gar keins!! Durch den ganzen Streß hab‘ ich an das wichtigste gar nicht mehr gedacht. Ich hab‘ ihr Geschenk vergessen. Überleg, überleg... bis morgen Mittag hab ich noch Zeit! Das muß reichen!
”Äh, weißt du...äh... ich... es soll doch eine Überraschung werden! Ich leg‘s erst vor der Bescherung unter den Baum, ähhä.”
”Na gut.”, grummelt sie und geht wieder ins Bett.
Diese Nacht schlief ich nicht...

24.12  07.30 Uhr.
20 Tassen Kaffe und 8 Koffeintabletten später (das mußte ich machen, denn wenn ich eingeschlafen wäre, hätt‘ ich wahrscheinlich bis 3 Uhr nachmittags gepennt), schleiche ich mich aus dem Haus. Meine Holde schläft noch. Schwer humpelnd bemühe ich mich möglichst keinen Lärm zu machen. Humpelnd deshalb, weil ich mir die Scherben einer zerdepperten Christbaumkugel eingetreten hab, die meine dämlichen Katzen runter geschmissen haben. Hatte keine Zeit mehr alles Splitter zu entfernen. Wird wohl ‘ne Blutvergiftung. Was soll’s.

24.12  08.00 Uhr.
Bin in der City und die Läden machen auf. Also...noch mal den Wunschzettel studieren. Eine Sonnenbrille von Gucci, ein Handy, ein Seidenschal eine Benetton-Uhr und ein Goldarmband. Boah! Das haut rein. Aber das Geld geb‘ ich ausnahmsweise mal gern aus. Diese Geschenke sind schließlich für jemanden der’s verdient hat (schleim, schleim). O.k., ich hab‘ noch 4 Stunden Zeit - das muß reichen.

24.12  09.30 Uhr.
Ha! Der Schal, das Armband und die Uhr stellten keine Problem für mich dar. Ich wußte ja genau was ich wollte und hab's mir dann mehr oder weniger gewaltsam unter den Nagel gerissen.
Mein Fuß ist mittlerweile geschwollen. Ich weiß nicht ob es von der Christbaumkugel kommt oder von den vielen anderen elfengleichen Garzellenfüßchen, die permanent draufgelatscht sind. Dennoch tut es gut zu wissen, daß es noch mehr Leute gibt die erst am 24. Dezember  ihre Geschenke kaufen. Genauer gesagt alle. So viele Menschen hab‘ ich mein ganzes Leben noch nicht auf einen Haufen gesehen. Oder doch - letztes Jahr, gleiche Zeit, gleicher Ort.

24.12  10.00 Uhr.
Sie haben die Sonnenbrille nicht mehr. Ausverkauft! Toll, war ja klar.
Natürlich wird mir sofort eine neue angeboten die ‘so ähnlich‘ aussieht. Ja genau. Und die sieht nicht nur  ‘ähnlich‘ aus, nein die ist auch noch von Cartier und kostet 200,- Mark mehr! Is‘ das nicht aufmerksam von der netten Verkäuferin. Aber gut, was soll ich schon machen. Kaufen wir das Scheißding halt.
 
 

24.12  10.15 Uhr.
Ich muß auf die Bank. Die Brille hat mir das Genick gebrochen. Natürlich hat die Bank zu. Ich frage mich wann die überhaupt mal arbeiten. Aber, wenigstens hab‘ ich meine EC-Karte dabei.

24.12  10.20 Uhr.
Jetzt bin ich pleite, trotz Weihnachtsgeld. Wie jedes Jahr.

24.12  10.25 Uhr.
Frohgemut ans Werk. Nur noch das Handy - dann is‘ es vollbracht für dieses Jahr. ‘Nur‘ is‘ gut. Es war die Hölle!

24.12  11.20 Uhr.
Es gibt ca. 10 Handyläden in der Innenstadt. Und ich war in jedem. Nur Vollidioten glauben, daß sie am 24.12. noch ein Loop X-mas Set kaufen können. Ich gehöre wohl zu diesen.
Allen Widrigkeiten zum Trotze finde ich aber doch noch einen Laden, der so ein Ding in der Auslage stehen hat. Voller Zuversicht betrete ich das Geschäft.

”Guten Tach, ich hätt‘ gern so’n Loop-Weihnachts-Dingsda”, grinse ich.
”Tut mir leid, die sind alle ausverkauft”, stöhnt die Verkäuferin.
”Macht nix, dann nehm' ich das da in der Auslage.”
”Aber das geht nicht, das ist ein Ausstellungsstück!”
”Is‘ es kaputt?”
”Äh, nein!”
”Dann her mit dem Dings, ich will nach Hause!”
”Aber mein Herr, das is‘ gar nicht komplett”, mosert die Verkäuferin. ”Da fehlt leider die Freisprecheinrichtung!”
Ich mach eine wegwerfende Handbewegung: ”Was soll’s, meine Freundin hat kein Auto.”
”Aber ich kann Ihnen doch nichts Unkomplettes verkaufen. Das ist doch ein Set.”
Ich werd‘ langsam ungeduldig: ”Das is‘ wurscht, ich zahl auch den vollen Preis.”
”Die Freisprechanlage kostet einzeln 70,- DM. Das wäre doch nicht gerecht wenn Sie genau soviel zahlen wie andere aber nicht alles bekommen was...”
Ich brause auf: ”Herrgott noch mal! Dann ziehen Sie mir halt die 70 Öhre von der Rechnung ab.”
”Aber das geht nicht! Das Set kostet 200,- DM und nicht 130,- DM! Wie soll ich das verbuchen”, protestiert die Tussi.
Ich bin am Ende meiner Geduld: ”Jetzt hör’n Sie mal zu! Ich leg auch noch 100 Mark drauf, aber bitte - b-i-t-t-e, verkaufen Sie mir dieses Scheißding!!”
Ӏh, also, also na gut. Aber ich bestelle Ihnen eine Freisprechanlage nach!
Ja, tun Sie das, wenn Sie meinen, stöhne ich entnervt.

24.12  12.00 Uhr.
Ich bin wieder auf dem Heimweg und ich hab‘ doch noch alles bekommen. Sogar dieses Scheißhandy! Jetzt sehe ich wieder Licht am Ende des Tunnels, aber es is‘ noch lange nicht vorbei. Mir graut schon wenn ich ans Baumschmücken denke. Und die Geschenke muß ich auch noch verpacken. Oh, mein Gott! Haben wir überhaupt noch genug Geschenkpapier? So wie ich mich kenne, brauch' ich mindestens 30 Quadratmeter.
Die Freisprecheinrichtung habe ich übrigens bis heute noch nicht gekriegt, aber das is‘ egal. Meine Freundin hat schon lange wieder ein anderes Handy. Lustig nicht...

24.12  12.20 Uhr.
Ich bin zu Hause. Mein Schatzi sitz heulend am Boden. Das auch noch. Meine Nerven liegen sowieso schon blank.
”Was hast‘n jetzt schon wieder für‘n Scheißdreck! Is‘ das Waschpulver aus, oder so’n Kack?”, erkundige ich mich einfühlsam. Diese Taktvolle Bemerkung von mir ruft einen etwa einstündigen Familienkrach auf den Plan. Darauf will ich jetzt aber nicht näher eingehen.

24.12  13.20 Uhr.
Ich hab noch eine halbe Stunde, dann schließt auch unser Einkaufszentrum. Ich bin wieder auf den Weg dorthin. Grund: wir haben zu wenig Christbaumschmuck!
Meine Freundin wollte von ihrem Daddy noch was hohlen, aber seine bescheuerte Putzfrau hat alles weggeschmissen mit der Begründung, daß ein alleinstehender Mann dessen Kinder schon erwachsen sind sowieso dieses Zeug nicht mehr gebrauchen kann. Wie Taktvoll. Im Prinzip gebe ich ihr zwar recht, aber das darf ich natürlich nicht zugeben. Das war letztendlich auch der Grund warum mein Herzchen einen Heulanfall gekriegt hat.

24.12  13.40 Uhr.
Ich glaub‘ ich bin in der Ex-DDR. Alles leer! Da stehen Regale, Auslagen, Tische und alles leer! Haben die schon zu? Nein haben sie nicht, aber es scheint als waren da einige schneller als ich. Und was mach ich jetzt? Mir bleibt wohl nichts anderes übrig als den dreckigen Rest zu kaufen.

24.12  13.50 Uhr.
Ich stehe an der Kasse. Der Kassierer guckt mich mitleidig an. Und dabei hab‘ ich noch soo tolle Sachen bekommen. Eine von Ratten angefieselte puffrote Girlande. Megakitschige Porzellanweihnachtsmänner zum aufhängen, Schwule Bläserengel aus Hartplastik und einen Satz wunderschöner Christbaumkugeln mit tollen König-der-Löwen-Motiven. Ein paar echt kunstvoll geflochtene Strohsterne (wahrscheinlich das Erzeugnis von zu Zwangsarbeit verdonnerter Sexualstraftäter), einige Walnußhälften in geschmackvollen Goldtönen lackiert und als Krönung ein Zitronengelber Kunststoff-Weihnachtsstern, der zu leuchten anfängt wenn man in die Hände klatsch'. Das is‘ doch super, oder? - Mein Schatzi wird mich umbringen. Aber ich bin sowieso schon tot. Ach, wenn wir gerade bei ‚tot‘ sind, ich spüre meinen Fuß nicht mehr - wahrscheinlich abgestorben. Scheiß Christbaumkugeln, scheiß Weihnachtsbaum, scheiß Weihnachten!!!

24.12  14.35 Uhr.
Ich sitze vor meinem Weihnachtsgestänge und bin dabei dieses abscheuliche Zeugs dran zu hängen. Aber irgendwie paßt der grausige Schmuck zu dem häßlichen Baum. Ich frage mich wofür ich das mache. Meine Freundin ist gegangen. Ich gebe zu, meine miese Weihnachtslaune ist nicht immer leicht zu ertragen. Aber schließlich mach‘ ich diese ganze Kacke ja nicht für mich! Ich bin mir nicht sicher ob sie heute noch mal nach Hause kommt, aber für den Fall daß doch, is‘ es wohl besser ich mach diesen doofen Baum fertig und stell das Grippchen auf.

24.12  15.45 Uhr.
Die Grippe ist fertig aufgestellt. War ausnahmsweise mal kein Problem. Nur noch die Geschenke verpacken. Bald ist es geschafft.

24.12  15.50 Uhr.
Meine Katzen haben die Grippe zerlegt. Alle Figürchen liegen in der Wohnung verstreut (falls sie nicht aufgefressen wurden).

24.12  16.10 Uhr.
Die Grippe steht wieder.

24.12  16.15 Uhr.
Die Katzen spielen Fußball mit dem Jesuskindlein und haben Maria den Kopf abgebissen.

24.12  16.16 Uhr.
Ich sperre meine Katzen auf den Balkon.

24.12  16.25 Uhr.
Marias Kopf ist wieder angeklebt. Jetzt muß ich verpacken.

24.12  17.15 Uhr.
Es ist ein Katastrophe. Ich kann’s einfach nicht. Allein für die dumme Sonnenbrille hab‘ ich schon eine ganze Rolle Geschenkpapier verbraucht. Na ja, andererseits gar nicht schlecht. Jetzt sieht das Geschenk dreimal so groß aus. Aber ich sollte noch ein Namensschild und eine Schleife rumbinden, sonst könnte man es glatt für ein Knäul altes Packpapier halten, das in den Müll gehört.
So fertig. Na wer sagt’s denn! Jetzt sieht es aus wie ... ein Knäul altes Packpapier, das in den Müll gehört mit einer Schnur drumrum, damit man es besser wegwerfen kann. Scheiße.

24.12  17.30 Uhr.
Der Tesafilm ist aus. Da gibt es jetzt die zwei bekannten Möglichkeiten: Heißkleber oder Tacker.

24.12  17.35 Uhr.
Ich hab‘ mich für den Tacker entschieden, was sich als eindeutiger Fehler herausgestellt hat.
Der Seidenschal sieht aus wie ein Schweizerkäse. Na ja, is‘ halt dann ein neues Design. Glücklicherweise habe ich letztes Jahr ein paar fertige Geschenkeboxen gekauft. Ihr wißt schon, diese Schuhkartons mit Billigpapier beklebt für 49,90 DM. Die meisten sind hinüber. Aber mit Heißkleber und Tacker...

24.12  17.45 Uhr.
Kaum zu glauben. Ich bin fertig. Fünf verpackte Fetzenhaufen liegen vor mir. Nicht schön aber dafür auch nicht mit Liebe gemacht.
Da läutet das Telefon. Einer meiner Kumpels is‘ an der Strippe.
”Eh, Alter...wir sin.. auf’n Glühkindlmarkt. Isch ech‘ geil. Wir sin schon wieder alle voll besoff’n, hä,hä. Heut gib’sn Glühwein mit Rum...oder anders rum? Weiß nich‘ mehr, hi,hi (grunz).”
Tja, sehr verlockend. Aber heut is‘ Weihnachten. Wäre heute ein ganz normaler Samstag  würde ich entweder mit meinem Schatzi ins Kino oder essen gehen, oder mit meinen Spezis eine Kneipentour machen oder bei meinen Eltern einen netten Abend verbringen. Aber heute ist Weihnachten. Dummerweise scheint es ein ungeschriebenes Gesetz zu geben, daß jegliches Vergnügen und jede Art von Spaß am Heilig Abend strengstens verbietet. Das geht schon damit los, daß ich hier sitze und Papierhäufchen basteln muß. Wieder ein Grund mehr dieses Scheißfest zu hassen. Mein Kumpel hat Glück. Der wohnt noch daheim. Der muß sich um den ganzen Quatsch nicht kümmern. Aber warte nur, das kommt noch. Ich füge mich meinem Schicksal und sage ab.

24.12  18.05 Uhr.
Meine Freundin ist doch noch nach Hause gekommen. Dann hat sich der ganze Aufwand doch noch irgendwie gelohnt. Leider dauert ihr Gastspiel nicht lang. Sie überreicht mir mein Geschenk, lobt mich für den schönen Baum (sie ist keine gute Lügnerin), packt meine Fetzenhaufen innerhalb von Sekunden aus, die ich mühevoll in 11/2 Stunden zusammengebaut habe, drückt mir einen Schmatzer auf die Backe und sagt  sie müsse gleich wieder weg zu ihren Großeltern.

24.12  18.25 Uhr.
Sie ist wieder weg. Und ich sitz‘ hier im puren chaos...ganz allein. Ich hab‘ nur noch meine Katzen... Oh Gott - die Katzen! Die hab‘ ich mal wieder total vergessen. Die sind ja immer noch auf‘m Balkon. Bei 12 Grad minus! Ich reiß‘ die Balkontür auf und vor mir kauern zwei zitternde Eiszapfen. Scheiße. Das fehlte noch, daß mir die Biester eingehen.

24.12  18.40 Uhr.
Den Tieren geht es wieder gut. Habe sie in eine Decke gewickelt und vor die Heizung gesetzt.

24.12  18.55 Uhr.
Mein Nachbar klingelt. Schenkt mir eine Flasche Billigfusel und einen in Fabrikfolie eingeschweißten Fertigchriststollen - vermutlich vom letzten Jahr übriggeblieben. Ich bedanke mich recht herzlich und überreiche ihm meinerseits eine Flasche australischen Chardonnay und eine Schweißbrille.
“Aber...aber diese Schweißbrille...  woher wußten Sie...?”, stammelt mein Nachbar verblüft.
“Sie sagten doch mal, daß Ihre alte kaputt ist und Sie keine Zeit haben sich eine neue zu kaufen”, grinse ich gönnerhaft.
 Ich genieße noch einen Augenblick sein dummes Gesicht, wünsche ihm ein frohes Fest und knall die Tür wieder zu. Hoffentlich kommt der sich jetzt blöd vor. Hä, Angriff abgewehrt.

24.12  20.00 Uhr.
Har, har! Das war nun schon der fünfte Penner, der sich blamiert hat. Bis jetzt stehen die Zeichen im Geschenkekrieg eindeutig auf Sieg! Dafür füllt sich so langsam der Mülleimer in meiner Küche. Was sich manche Leute trauen zu verschenken ist wahrlich unglaublich.

24.12  20.10 Uhr.
Meine Eltern rufen an. Die wünschen mir ein frohes Fest. Danke nochmal. Ob ich schön feier? Oh ja, und wie. Mein Baum is‘ eine Katastrophe, überall papierfetzen und Tannennadeln, meine Katzen wären fast erfrohren, meine Freundin is‘ weg und permanent klingeln Idioten die mir irgendwelche Staubfänger als Geschenk andrehen wollen und zu allem Überfluß ist der Glühwein alle! Aber ich kann mich nicht beschweren. Es ist zumindest nicht schlimmer als im letzten Jahr.

24.12  20.30 Uhr.
Bin zu meinen Eltern gefahren. Daheim is‘ es mir zu doof.
Ich muß zugeben, es könnte möglicherweise doch noch ganz gemütlich werden. Das liegt hauptsächlich an der Feuerzangenbowle. Die schmeckt echt klasse.

24.12  23.30 Uhr.
Ich bin restlos besoffen. Aber so richtig. Nachdem ich dem Klo meiner Eltern einen neuen Anstrich verpaßt und die gesamte Nachbarschaft mit wüsten Beschimpfungen aus ihrer besinnlichen Stimmung gerissen habe lieg ich hier auf dem Boden und führe einen unterhaltsamen Dialog mit meinem abgestorbenen Fuß. Seit einiger Zeit antwortet er nicht mehr. Is‘ wohl tatsächlich tot.
Irgendwann penn ich ein.

25.12  11.30 Uhr.
Es ist vollbracht...Heilig Abend ist zuende. Und leb‘ noch! In meinem Kopf dröhnt ein ganzes Orgelorchester. Kotzen muß ich auch gleich, glaub ich. Ich bin total verdreckt und stinke wie ein Iltis. Aber ich lebe! Die noch folgenden Weihnachtsfeiertage sind nur noch Formsache - die werd‘ ich einfach verschlafen. Gemütlich kuschel ich mich wieder in mein Bett.
Moment mal - das is‘ garnicht mein Bett. Das is‘ überhaupt kein Bett. Das is’n alter Kartoffelsack. Das is‘ ja nichtmal meine Wohnung! Auch nicht die von Mom und Dad. Das is‘ überhaupt keine Wohnung. Oh nein! Wo bin ich...?
 

Ich bin letztes Jahr am 25.12.1999 in meinem Heizkeller aufgewacht. Wie ich dahin kam weiß ich nicht mehr. Meine Freundin war höchst erfeut über meinen Zustand könnt ihr euch vorstellen. Auch der Umstand, daß niemand wußte wo ich bin war für sie höchst amüsant. Meine Katzen leben beide noch. Der Christbaum stand noch bis Silvester, dann brach er von selbst zusammen. Die Feuerzangenbowle meiner Eltern werde ich nie wieder anrühren und Geschenke für Weihnachten 2000 kaufe ich diesmal schon im April.

Aber egal was ich tue, ich weiß heute schon daß es nichts nützen wird. Denn Weihnachten ist ein Fest das der Teufel erfunden hat und er wird uns erwischen, uns alle! Jedes Jahr. Wieder und wieder!

©Marco Weidner exklusiv für www.gags.de.vu